Der Karwendelmarsch 2026 war meine Premiere bei diesem legendären Bewerb – und was für eine. 52 Kilometer und 2.281 Höhenmeter von Scharnitz quer durch das Karwendel bis nach Pertisau am Achensee. Am Ende standen 8 Stunden und 10 Minuten auf der Uhr und vor allem eine Erkenntnis: Das war wahrscheinlich der schönste Lauf, den ich bisher erleben durfte. Die Vorzeichen waren allerdings alles andere als ideal. Eine bei einem Sturz im Training zugezogene Rippenprellung begleitete mich an die Startlinie. Wie sehr sie sich auf den kommenden 52 Kilometern bemerkbar machen würde, war eine der großen Unbekannten dieses Tages.
4 Uhr früh – auf dem Weg nach Scharnitz
Der Tag begann früh. Sehr früh. Um 4 Uhr ging es mit dem Bustransfer vom Achensee Richtung Scharnitz. Dort angekommen, herrschte bereits reger Trubel. Schon bei der Startnummernausgabe wurde deutlich, welchen Stellenwert der Karwendelmarsch in dieser Region besitzt. Gleichzeitig fiel vom ersten Moment an die Freundlichkeit der zahlreichen Helferinnen und Helfer auf.
Im Morgengrauen versammelte sich schließlich das riesige Teilnehmerfeld am Start. Die Luft fühlte sich beinahe elektrisierend an. Adrenalin lag ebenso darin wie der unverkennbare Geruch von Tigerbalsam und diversen Latschenkiefer-Einreibungen. Rundherum konzentrierte Gesichter, letzte Handgriffe an Rucksack und Schuhen und dieses Kribbeln, das wohl jeder kennt, der schon einmal vor einer großen sportlichen Herausforderung gestanden ist. Alle warteten nur noch auf eines: den Startschuss und um 6 Uhr war es soweit.
Zunächst setzte sich das 2500 große Teilnehmerfeld im Schritttempo in Bewegung, doch kurz darauf wurde es deutlich schneller. Auf den ersten beiden ansteigenden Kilometern hatte ich gefühlt zweimal das Vergnügen, vom gesamten Teilnehmerfeld überholt zu werden. Nach und nach konnte ich wieder Positionen gutmachen und Ruhe machte sich Platz. Jetzt hatte der Karwendelmarsch wirklich begonnen.
Die Strecke führte immer tiefer hinein in die beeindruckende Bergwelt. Die ersten Kilometer stiegen relativ gleichmäßig an, ehe es rund drei Kilometer vor dem Karwendelhaus in Serpentinen deutlich steiler wurde.
Das Wetter hätte dafür kaum besser sein können. Nach dem nächtlichen Regen war es beim Start trocken und mit rund 10 Grad angenehm kühl. Am Vormittag lockerte es zunehmend auf und zeitweise zeigte sich ein nahezu wolkenloser Himmel.
Nach knapp 2 Stunden und 30 Minuten erreichte ich das Karwendelhaus auf 1.771 Metern. Gut 18 Kilometer lagen zu diesem Zeitpunkt bereits in den Beinen, fast ausschließlich bergauf. Bei den ersten Teilnehmern waren die Spuren der Anstrengung deutlich zu erkennen. Oben angekommen, war die Uhr für einen kurzen Moment nebensächlich. Sonne, Berge und dieses gewaltige Panorama – genau für solche Augenblicke läuft man in die Berge.
Dazu wartete eine perfekt ausgestattete Labestation: genau jene Dinge, die man in diesem Moment brauchte, serviert von unglaublich freundlichen Helferinnen und Helfern. Kurz versorgen, den Blick noch einmal über die Bergwelt schweifen lassen und weiter.
Über den kleinen Ahornboden und Falkenhütte
Vom Karwendelhaus ging es hinunter zum Kleinen Ahornboden. Die Beine waren noch frisch und Geschwindigkeit machte richtig Spaß. Der Untergrund verlangte Konzentration, gleichzeitig konnte man sich stellenweise einfach treiben lassen und die Gravitation half kräftig mit.
Anschließend führte ein traumhafter Pfad durch einen märchenhaften Wald und über die Baumgrenze hinaus Richtung Falkenhütte auf 1.848 Metern.
Die Beine wurden langsam schwerer und auch die geprellten Rippen meldeten sich deutlicher. Doch in dieser Umgebung fiel es erstaunlich leicht, solche Dinge zumindest zeitweise zu vergessen. Die Bergkulisse, die anderen Läufer und das gemeinsame Vorwärtskommen lenkten den Kopf immer wieder weg von den Schmerzen.
Von der Falkenhütte hinunter in die Eng zeigte das Karwendel dann seine anspruchsvolle Seite. Alpine Steige, große Steine und technisch schwieriger Untergrund verlangten volle Konzentration. Einige Stürze anderer Teilnehmer zeigten, wie schnell hier ein Fehler passieren konnte, besonders dann, wenn nach vielen Kilometern Kraft und Konzentration nachließen. Die Stimmung blieb trotzdem großartig. Und auch hier waren die Labestationen mit ihrer guten Versorgung und den freundlichen Helferinnen und Helfern echte Fixpunkte im Rennen.
Binsalm – ein Becher mit Folgen
Nach der Eng ging es wieder bergauf Richtung Binsalm. Die Beine waren inzwischen schwer und die Strecke hatte deutliche Spuren hinterlassen. An der Labestation ließ ich mich schließlich zu etwas überreden, das sich wenig später als folgenschwere Entscheidung herausstellen sollte, ein Becher Salzwasser und ich trank das Teufelszeug. Etwa zehn Minuten später, auf dem steilen Anstieg Richtung Gramai Hochleger, kam das böse Erwachen. Plötzlich starker Schwindel, völlige Kraftlosigkeit und extreme Übelkeit. Zunächst war nicht klar, was los war. Dann kam ziemlich schnell der Verdacht, dass es das Salzwasser sein muss.
An der Spitze einer etwa zehnköpfigen Gruppe musste ich auf dem steilen alpinen Steig am steilen Abgrund zur Seite treten. Wenige Augenblicke später verabschiedeten sich in drei durchaus beeindruckenden Fontänen gefühlt zwei Liter Holundersaft, Haferflocken- und Heidelbeersuppe aus meinem Magen. Eine Läuferin fragte besorgt, ob sie helfen könne. Ich verneinte natürlich und sagte, dass ich nur ein paar Sekunden brauchen würde. Zumindest hoffte ich das.
In diesem Moment war die Zeit plötzlich völlig egal. Es ging nur darum, wieder auf die Beine zu kommen und herauszufinden, ob der Körper bereit war weiterzumachen. Und ich sollte recht behalten, nach diesem unfreiwilligen Ballastabwurf ging es erstaunlich schnell wieder bergauf, körperlich wie mental. Von Minute zu Minute stabilisierte sich der Kreislauf. Die Kraft kam zurück. Aus dem Gedanken „Was war das gerade?“ wurde wieder der Blick nach vorne und der Wille, noch eine für mich gute Zeit ins Ziel zu bringen, war ohnehin nie verschwunden.
Kurz darauf war mit dem Bins-/Gramaisattel auf 1.903 Metern der höchste Punkt der Strecke erreicht. Gerade dort warteten zahlreiche Bergretter, die mit ihrer Unterstützung unglaublich viel Motivation übertrugen. Nach der Krise wenige Minuten zuvor fühlte sich dieser Punkt fast wie ein kleiner Neustart an. Nun ging es hinunter Richtung Gramai Alm. Ein weiterer kurzer Einbruch samt zweitem, diesmal deutlich kleinerem Ballastabwurf konnte mich nicht mehr ernsthaft bremsen. Trotzdem war Konzentration gefragt. Gerade die steilen Abstiege waren technisch anspruchsvoll. Als Bergsportler kamen mir sowohl die Anstiege als auch die schwierigen Gefälle entgegen, auch wenn nach mehr als 40 Kilometern jeder Schritt zunehmend in den Beinen zu spüren war. Doch inzwischen begann sich etwas zu verändern. Das Ziel war nicht mehr nur irgendein weit entfernter Punkt hinter den Bergen und Pertisau rückte näher.
Ab der Gramai Alm begann der letzte Teil des Rennens. Noch rund neun Kilometer bis Pertisau und plötzlich wurde aus dem alpinen Kampf wieder richtiges Laufen. Die Strecke führte überwiegend leicht bergab aus dem Karwendel hinaus. Die Beine waren müde, aber der Rhythmus war wieder da.
Bei der Falzthurnalm gab es noch eine letzte Stärkung und danach hieß es nur noch „Richtung Achensee“. Diese letzten Kilometer konnte ich tatsächlich wieder genießen.
Je näher Pertisau kam, desto mehr Zuschauer standen entlang der Strecke. Rund zwei Kilometer vor dem Ziel wurde die Unterstützung immer lauter. Menschen klatschten, riefen einem etwas zu und gaben genau jenen zusätzlichen Schub, den man nach fast acht Stunden in den Bergen noch gebrauchen konnte. Die letzten Meter, die Zuschauer, der Achensee und plötzlich waren die schweren Beine und die schmerzenden Rippen für einen Moment vergessen.
Erschöpft. Erleichtert. Und vor allem unglaublich glücklich.
52 Kilometer. 2.281 Höhenmeter. Und eine ziemlich beleidigte Rippe.
Am Morgen in Scharnitz wusste ich nicht, wie sich die geprellten Rippen über 52 Kilometer verhalten würden. Dazwischen lagen lange Anstiege, schnelle Abstiege, technische Steige, eine kleine körperliche Krise, zwei unfreiwillige Ballastabwürfe und unzählige Eindrücke aus einer Bergwelt, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Die perfekte Organisation, die ausgezeichneten Labestationen und vor allem die Freundlichkeit der vielen Helferinnen und Helfer sowie Bergretter machten diesen Karwendelmarsch zusätzlich zu etwas Besonderem. Aber über allem stand dieses Gebirge. Das Karwendel ist ein Traum.
Acht Stunden nach dem Start stand ich in Pertisau am Achensee und wusste eigentlich nur eines:
Ich möchte irgendwann wieder hier stehen.
Das war wahrscheinlich der schönste Lauf, den ich bisher gelaufen bin. 2027 mit Sicherheit wieder.
Und vielleicht, ja hoffentlich stehen dann ein paar weitere KTCler mit mir in Scharnitz am Start.
Text: Markus Haas